Der Luciazug

So, hier kommt noch der Luciazug. Er tauchte auch im BR auf. Nun stimmt es nicht wirklich, dass es ursprünglich um die Heilige Lucia aus Syrakusa ging. Der kurze Kommentar im BR über „die böse Schwester Lus“ ist dagegend sehr informativ. Es geht tatsächlich um die heidnische Lusse, die sehr rustikal bis in die Neuzeit gefeiert wurde. Die katholische Kirche seinerzeit (vor der Reformation) machte einen Versuch, die Lusse mit der Hl. Lucia zu verschmelzen, aber so wie ich es verstanden habe, ziemlich vergebens. Dann aber, Ende des 18. Jahrhunderts, als die Bauern noch ihre wilde Lusse (wer einmal Lussebraut, wird niemals wirklich Braut, sagte man damals) feierten, sofern sie ein Mädchen mit einem etwas lockeren Lebenswandel auftreiben konnten; ersatzweise trieb man eine Kuh mit Kerzen durch das Dorf beim Sammeln von Schnaps und Lebensmittel für das Fest in der Scheune, dann sind höchstwahrscheinlich ein paar Landadligen in der Adventszeit nach Nürnberg gefahren, denn auf einmal fingen die Leute auf den Herrenhöfen in Västergötland an, eine weiße, sittsame, christkindlähnliche und vornehme Lucia mit Kaffeetablett morgens durch die Schlafgemächer ziehen zu lassen. Erst im 19. Jahrhundert wurde das erste Santa Lucia – Lied (zeitgenössige Melodie aus Italien) von Gunnar Wennerberg gedichtet. Die Studenten, die in den Ferien daheim waren, haben dann die neue Luciasitte in Uppsala verbreitet, auch noch ziemlich burschikos à la Lusse (jedoch mit einer männlichen Lucia, mangels Studentinnen, freizügig oder nicht), aber sie wussten sehr wohl wie die schöne Lucia zu sein hatte, und konnten es ihren Familien in anderen Teilen des Landes mitteilen. Und so verbreitete sich die Luciafeier in Windeseile, zum Leidwesen der vernachlässigten Lusse. Aber die freche Lusse ist nicht wirklich tot. Wenn Schüler Lucia feiern, dann auch gerne derb und feuchtfröhlich und mit einem Jungen als Kronenbraut. Die schöne Lucia findet man dort, wo die Erwachsenen das Sagen haben, als Lehrer, Erzieher, Eltern oder Gemeindefunktionäre.

Hier singen die Kinder (Sternbuben mit Hüten, die Mädchen mit Glitzer im Haar, Pfefferkuchenmänner und vielleicht ein paar Wichtel zusammen mit der Lucia mit Elektrokrone) ein viel älteres Lied, aus der Zeit, als die Lusse noch nicht die vornehme Lucia war. Aus der Zeit stammen noch die Staffanslieder. Die Sternsinger verloren ihre Selbständigkeit, als der neue Luciabrauch entstand, und wurden in den Luciazug integriert. Heutzutage weigern sich die meisten Buben den Spitzhut aufzusetzen. Er wird oft als lächerlich angesehen. Die Kinder im Film sind sicher ganz besonders brav.

Ich habe nämlich ziemlich viel recherchiert. Die übliche Santa-Lucia-Erklärung ist einfach nicht haltbar, da der heutige Brauch nachweislich erst so spät entstanden ist. Die Sache mit Nürnberg (oder vielleicht Holland, dort soll es auch so was geben, glaube ich) ist für mich ganz logisch, da die optische Ähnlichkeit nicht zu verleugnen ist. Die Lantadeligen haben ganz sicher den Bauernbrauch gekannt und nach ihrer Begegnung mit dem Christkindl eine geniale Idee bekommen. Leider ist die Lucia schon in Gefahr, da viele Schulen und Kindergärten jede Menge Vorwände finden, den Brauch abzuwürgen. Die Schuld schieben die Rektoren dann auf die „Neuschweden“, die, falls sie untergetaucht sind, erstens nicht fotografiert werden dürfen; zweitens die Pfefferkuchenmänner und Sternbubenhüte als rassistisch sehen können; drittens eine Heilige nicht zuzumuten wären. Viertens wäre die Lucia auch noch sexistisch. Viele Städte können auch das Geld für eine kommunale Lucia nicht mehr aufbringen (Göteborg, z. B.), außerdem soll es nicht mehr cool sein, die Lucia zu spielen. Aber im Fernsehen gibt es immer noch eine Lucia-Show am 13.12. Bloß im Ausland kann man das Video nicht mehr aufrufen. Ein Glück, dass wir in München den schwedischen Chor haben!

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Ein Kommentar zu “Der Luciazug

  1. Nelda sagt:

    WEnn man heutzutage als Politiker was abschaffen will was Tradition hat muss man es nur als sexistisch, rassistisch, nicht zeitgemäss und nicht zu vermitteln deklarieren und schon hat man die Sache durchgesetzt. Es ist zum Heulen und Zähneknirschen.
    Hier wollten sie z.B: unsere WEihnachtsmärkte nicht mehr WEihnachtsmärkte nennen sondern Wintervolksfeierdorf oder so was ähnliches, wegen unserer „andersgläubigen“ Mitbewohnern… da kann man sich nur noch an den Kopf packen, denn die ersten die z:B.: am St. Martinszug und am Sammeln anschließend teilnehmen sind die kinder unserer „andergläubigen“ Mitbewohner, und zwar mit viel Spass, aber das scheint bei den Politikern das groesste Problem zu sein.
    „Hilfe das Volk hat Spass“ das muessen wir ändern !
    in diesem Sinne ein Frohes FEst allen Lesern und den Machern natuerlich auch..

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